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Prof. Irslinger: „Greenpeace->Waldvision< schadet - Klimaschutz durch Waldwirtschaft“

Naturnah bewirtschafteter Buchenwald 2017 auf der SchwĂ€bischen Alb, Baden-WĂŒrttemberg.

Naturnah bewirtschafteter Buchenwald mit Schwarzspecht 2005 in Schleswig-Holstein.

Buchen-Totalreservat Heilige Hallen in der Zerfallsphase 2002 (Gemeinde Feldberger Seenlandschaft, Mecklenburg).

Eichen-Brennholz aus dem Schönbuch, Baden-WĂŒrttemberg 2002. Fotos: Roland Irslinger

Mit einer wissenschaftlichen Analyse und Quantifizierung der Klimawirkungen nachhaltiger Holznutzung in Deutschland widerspricht der TĂŒbinger Prof. a.D. Roland Irslinger der Greenpeace->Waldvision<: „Nutzungsverzicht im Wald schadet Wald und Klima“

TÜBINGEN. - In der WohlfĂŒhl-Ökoszene um Autor Peter Wohlleben herrscht die Meinung, man solle wegen des Klimaschutzes den Wald besser in Ruhe lassen statt ihn zu nutzen.

In einer Studie schlagen das Freiburger Öko-Institut und Greenpeace vor, die Holznutzung deutlich zu verringern, die WĂ€lder dichter und Ă€lter werden zu lassen, um darin mehr Kohlenstoff zu speichern.

Der Nabu verfolgt mit seiner Speicherwald-Idee eine vergleichbare Strategie, auch BĂŒndnis 90/die GrĂŒnen sind in dieser Frage ökopopulistisch unterwegs. Anders Fridays for Future, sie rufen nach wissenschaftlich fundierten Lösungen zum Klimaschutz.

„Speicherwald-Konzept eine gefĂ€hrliche Zeitbombe fĂŒr Wald und Klima“

Ein >Speicherwald< habe eine bessere Klimaschutzwirkung als ein naturnah bewirtschafteter Wald, behaupten die genannten Akteure. Bei genauem Hinsehen entpuppt sich das Speicherwald-Konzept allerdings als gefĂ€hrliche Zeitbombe fĂŒr Wald und Klima.

WirtschaftswĂ€lder taugen besser fĂŒr den Klimaschutz! WĂ€lder hierzulande aus der Nutzung nehmen zu wollen folgt indes den Mustern unserer Externalisierungsgesellschaft, indem Holznutzung und Waldzerstörung nach Osteuropa exportiert werden.

Durch Photosynthese entzieht 1 Kubikmeter Holz beim Wachsen der Luft knapp eine Tonne (t) Kohlendioxid (CO2). WÀlder sind deshalb wichtige Kohlenstoffspeicher, in deutschen WÀldern sind rund 2 Milliarden (t) Kohlenstoff gespeichert, zum Wachsen hat dieser Waldspeicher 7,4 Milliarden t CO2 der AtmosphÀre entzogen.

11,4 Mio Hektar deutsche WaldflÀche reduzieren jÀhrlich rund 100 Millionen t CO2-Emissionen

Aktuell spielt Deutschlands Wald mit einer FlÀche von 11,4 Millionen Hektar eine Rolle beim Klimaschutz wie keine andere Branche, ohne Waldwirtschaft hÀtte Deutschland jÀhrlich 90 bis 100 Millionen t zusÀtzliche CO2-Emissionen.

Neben dem Waldspeicher gibt es den Holzproduktspeicher. GegenstÀnde aus Holz bestehen zu 50% aus Kohlenstoff. Wie der Waldspeicher entlastet der Produktspeicher die AtmosphÀre von CO2.

In Deutschland betrĂ€gt die Höhe des Produktspeichers etwa 350 Mio t Kohlenstoff, also knapp 20% des Waldspeichers. Dieser Zahlenvergleich zeigt das Potenzial fĂŒr kĂŒnftige Klimaschutz-Strategien und die Holzbau-Initiativen verschiedener LĂ€nder finden darin ihre BegrĂŒndung.

Im Wald speicherbare Menge an Kohlenstoff ist begrenzt

Bedeutsamer fĂŒr den Klimaschutz ist der Wald ĂŒber seine Speicherfunktion hinaus jedoch als sogenannte Senke. Einen Entzug von CO2 aus der AtmosphĂ€re kann es nur bei einem Netto-Fluss an Kohlenstoff vom atmosphĂ€rischen Pool in das Waldökosystem geben.

Die in einem Wald speicherbare Menge an Kohlenstoff ist begrenzt, deshalb kann die Senke Wald auf lange Sicht nur durch anthropogene Intervention aufrechterhalten werden, indem WÀlder durch Waldpflege in einer Phase krÀftigen Wachstums gehalten werden.

Geerntetes Holz wird stofflich und energetisch genutzt

Das dabei geerntete Holz wird stofflich und energetisch genutzt. Fossile Energie wird dabei substituiert, d.h., durch erneuerbare Energie ersetzt.

Die Herstellung von Holzprodukten benötigt fast immer viel weniger Prozessenergie als deren Herstellung aus Beton, Ziegel, Stahl, Aluminium oder Glas.

Dieser Einspareffekt im Zuge der stofflichen Substitution betrĂ€gt im Falle des Baus von Holz- anstelle von SteinhĂ€usern beim derzeitigen Energiemix 20 bis 50% an Treibhausgasen (THG). Wird das Holz altersschwacher DachstĂŒhle ein zweites oder drittes Mal verwendet, ist sein Beitrag zum Klimaschutz noch höher.

Holz aus heimischen WĂ€ldern ist ein fast zu 100% klimaneutraler Brennstoff

Bei der energetischen Substitution ersetzt Holz fossile Brennstoffe zum Zweck der Energiegewinnung. Holz aus heimischen WÀldern ist ein fast zu 100% klimaneutraler Brennstoff, nicht, weil es beim Verbrennen dieselbe Menge an CO2 freisetzt, die es zum Wachstum benötigt hat, sondern weil es bei nachhaltiger Waldwirtschaft dieselbe Menge an CO2 bindet, die zuvor beim Verbrennen freigesetzt wurde.

Verrottet Holz im Wald, entsteht genauso viel CO2 wie beim Verbrennen, allerdings ohne dabei fossile Energie zu substituieren. Sowohl stoffliche als auch energetische Substitution gehen in die nationale THG-Bilanz der Staaten ein.

Substitutionspotenzial zu verschweigen ist manipulativ

Diesen Tatbestand ignorieren die genannten Öko-Akteure, das Substitutionspotenzial zu verschweigen ist aber genauso manipulativ wie beim Elektro-Auto die Herstellung der Batterie zu unterschlagen.

Substitution bedeutet Vermeidung fossiler Emission, eine reduzierte Holzernte fĂŒhrt zum Gegenteil. Es sei denn, man bezieht das fehlende Holz aus der Zerstörung von UrwĂ€ldern in Osteuropa.

Der Druck, den ein geringerer Holzeinschlag hierzulande auf UrwĂ€lder zum Beispiel in RumĂ€nien ausĂŒben wĂŒrde, dĂŒrfte dort nicht nur wertvolle Habitate zerstören, sondern auch Unmengen an CO2 aus dem Humus der Waldböden freisetzen, die in Form des Klimawandels auf uns zurĂŒckschlagen.

Deutsches Speicherwald-Konzept erzeugt ausbeuterische Holznutzung im Ausland

Das Speicherwald-Konzept macht aus der nachhaltigen Holznutzung hierzulande eine ausbeuterische Holznutzung im Ausland, sie unterlÀuft den Geist jeglicher Klimaschutzgesetzgebung, die einen Vorrang von Vermeidung vor Kompensation fordert.

BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen wollen in Deutschland 600.000 ha Wald aus der Nutzung nehmen, was einer potenziellen Erhöhung der THG-Emission von jĂ€hrlich 4 bis 5 Mio t entspricht.

Kohlenstoff-Bindung erhöht Risiko fĂŒr das Klima

Zum Vergleich: Der Verzicht auf alle innerdeutschen FlĂŒge wĂŒrde etwa 2,5 Mio t THG pro Jahr einsparen! Außerdem: Je mehr Kohlenstoff ein Speicherwald bindet, desto höher wird das Risiko fĂŒr das Klima. Die beiden Trockenjahre 2018 und 2019 haben das deutlich gezeigt.

Selbst die in weiten Teilen Deutschlands bisher heimische Buche hĂ€lt solche DĂŒrresommer auf Dauer nicht aus, je dichter die WĂ€lder wachsen, umso weniger.

Bei zunehmender Trockenheit ist in den WÀldern mit einem Verlust an Biomasse zu rechnen, in Zeiten der KlimaerwÀrmung wird der Speicherwald das zwischengelagerte fossile CO2 wieder in die AtmosphÀre entlassen.

Speicherwald wird zur tickenden Zeitbombe!

Der Wald wird zur CO2-Quelle, Milliarden Tonnen allein aus deutschen WÀldern werden zur Unzeit nicht nur die AtmosphÀre, sondern auch die öffentlichen Haushalte belasten. Der Speicherwald wird so zur tickenden Zeitbombe!

Bleibt noch das Naturschutzargument. Nutzungsverzicht im Wald hat keine grundsÀtzlich positiven Auswirkungen auf die MultidiversitÀt der Waldökosysteme.

Schon heute werden Forderungen des Naturschutzes laut, mehr Licht in die WĂ€lder zu lassen, eine habitatspezifische Vorgehensweise im Rahmen eines naturnahen Waldbaus dient dem Artenschutz besser als ein Speicherwald.

Ausgangslage

Nach dem Stand der Wissenschaft ist es falsch, zu behaupten, Nutzungsverzicht im Wald diene dem Klimaschutz (z.B. Nabu 2019). 2018 hat das Öko-Institut die Studie „Waldvision“ als Auftragsgutachten von Greenpeace vorgestellt.

„Waldvision“ fordert einen Umgang mit dem Wald, der mit weniger Waldpflege auskommt, dafĂŒr mehr natĂŒrliche Prozesse zulĂ€sst und zusĂ€tzlich auf 17% der WĂ€ldflĂ€che vollstĂ€ndig auf Holznutzung verzichtet.

„Speicherwald“ und „Waldvision“ gefĂ€hrliche Zeitbombe fĂŒr Wald und Klima

Die Modellrechnungen der Studie suggerieren, der so behandelte Wald habe eine bessere Klimaschutzwirkung als ein naturnah bewirtschafteter Wald. Bei genauem Hinsehen entpuppen sich „Speicherwald“ und „Waldvision“ allerdings als gefĂ€hrliche Zeitbombe fĂŒr Wald und Klima.

Die in der Wissenschaft herrschende Sichtweise soll hier erlÀutert werden. Diese ist international grundsÀtzlich unwidersprochen und wissenschaftlicher Konsens.

Naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse als Basis fĂŒr Naturschutzpolitik

Naturschutzpolitik sollte sich wie Klimaschutzpolitik innerhalb naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse bewegen, genauso wie Fridays-for-Future dies fordert.

Prozessschutz bedeutet das Zulassen natĂŒrlicher Prozesse (JEDICKE, E. 1998), unter dem Einfluss von Prozessen der Sukzession soll Ökosystem-Dynamik anthropogen unbeeinflusst ablaufen dĂŒrfen.

Prozessschutz kann segregativ sein, also völlig ungesteuert, wie dies in Deutschland erstmals im Nationalpark Bayerischer Wald umgesetzt wurde. Prozessschutz kann aber auch integrativ sein, wobei nur gewisse Prozesse zugelassen werden.

Naturnaher Waldbau als integrativer Prozessschutz

Naturnaher Waldbau ist integrativer Prozessschutz, natĂŒrliche Prozesse werden mehr oder weniger stark in die Bewirtschaftungsstrategie einbezogen. Merkmal naturnahen Waldbaus ist beispielsweise die Baumartenwahl auf Basis der natĂŒrlichen Waldgesellschaften.

Forderungen nach vermehrter Ausdehnung reiner Prozessschutzgebiete im Wald sind naturschutzpolitisch riskant, weil sie die Trennung des Waldes in ProzessschutzwÀlder einerseits und reine WirtschaftswÀlder fördern.

Integrativer Prozessschutz könnte unter die RÀder kommen

Im Zuge einer segregativen Forstwirtschaft könnte der integrative Prozessschutz und damit der Waldnaturschutz in den bisher naturnah genutzten WÀldern unter die RÀder kommen.

Die USA und Neuseeland sind typische Beispiele einer segregativen Forstpolitik, wo den wenigen noch vorhandenen UrwĂ€ldern riesige FlĂ€chen mit echten PlantagenwĂ€ldern gegenĂŒberstehen.

Das Ende der Waldkulturlandschaft in Mitteleuropa wÀre damit besiegelt, Hochwasserschutz und weitere Wohlfahrtswirkungen der WÀlder könnten nicht mehr gewÀhrleistet werden.

Die als „Prozessschutzwaldbau“ propagierte Strategie lĂ€sst lediglich ein Minimum an waldbaulicher Steuerung bei entsprechend geringerer Holznutzung zu, sie hat ihren Ursprung im LĂŒbecker Stadtwald, wo Dr. Lutz FĂ€hser, protegiert von Greenpeace, diese Art Waldbau 1994 einfĂŒhrte.

Unrealistisch hoher Waldspeicher prognostiziert

Das Öko-Institut prognostiziert fĂŒr den Wald in Deutschland im Falle der Anwendung des Prozessschutzwaldbau-Konzeptes im Jahr 2102 einen unrealistisch hohen Waldspeicher.

Nirgendwo gibt es solche ReferenzwÀlder, um die verwendeten Modelle zu kalibrieren, PrimÀrwÀlder taugen dazu nicht. Die Parametrisierung der verwendeten Waldwachstumsmodelle ist weder klima-noch trophiesensitiv, der Dynamik des Waldwachstums unter den sich verÀndernden Klimabedingungen wird keinerlei Rechnung getragen, steigende Waldbrandrisiken werden ignoriert, immer trockener werdende Sommer kommen im Modell nicht vor(vgl. auch WISSENSCHAFTLICHER BEIRAT 2018).

Zugrunde gelegte vage Prognose der Waldpolitik ist dreist

Eine solch vage Prognose der Waldpolitik bis ins 22. Jahrhundert zugrunde zu legen, ist dreist. „Waldvision“ wĂ€re dann vorteilhaft fĂŒr‘s Klima, wenn die modellierte Senkenleistung des Prozessschutzwaldes höher wĂ€re als der Verzicht auf das Potenzial der Substitutionsleistung des Mindereinschlages an Holz.

Dieses Ziel ist bei Weitem nicht zu erreichen. WĂŒrde man Prozessschutzwaldbau in allen WĂ€ldern Deutschlands einfĂŒhren, kĂ€me dies einem Nutzungsverzicht von 15 bis 30 Millionen m3 Holz pro Jahr gleich.

Im Strategiepapier von BĂŒndnis90/Die GrĂŒnen „Waldschutz ist Klimaschutz ist Waldschutz“ (BĂŒndnis90/Die GrĂŒnen 2019) fordern die AutorInnen eine „Urwald-Offensive“. WĂ€lder sollen wieder bis zur natĂŒrlichen Zerfallsphase alt werden dĂŒrfen.

Nutzungsverzicht im Wald fĂŒhrt zu zusĂ€tzlichen Emissionen an Treibhausgasen

5% der deutschen WaldflĂ€che sollen vollstĂ€ndig aus der Nutzung genommen werden, LĂ€nder und Kommunen sollen mit einem Anteil von 10% „WildnisflĂ€chen“ vorangehen.

Nutzungsverzicht im Wald fĂŒhrt gegenĂŒber naturnaher Waldwirtschaft zu zusĂ€tzlichen Emissionen an Treibhausgasen, die, wollen wir Klimaschutz ernst nehmen, an anderer Stelle eingespart werden mĂŒssen. Dabei ist Waldwirtschaft in Deutschland nicht ĂŒberall naturnah.

Statt WaldflĂ€chen in großem Umfang aus der Nutzung zu nehmen, sind wir besser beraten, Waldwirtschaft dort, wo es nötig ist, naturnĂ€her zu gestalten.

Eine Quantifizierung der Klimaschutzwirkung von Waldökosystemen beruht auf vier SÀulen:

    1. Waldspeicher,

    2. Holzproduktspeicher,

    3. Stoffliche Substitution,

    4. Energetische Substitution.

Zur Person: Prof. a.D. Roland Irslinger war bis 2014 Professor fĂŒr Waldökologie an der Hochschle fĂŒr Forstwirtschaft in Rottenburg. Seit er in Pension ist, engagiert er sich speziell fĂŒr Fragen des Klimaschutzes in Zusammenhang mit der Waldbewirtschaftung.