NEWS

Trauerakt fĂŒr Helmut Kohl: „Abschied von einem großen EuropĂ€er“

Altkanzler Helmut Kohl brachte Europa auf seinem letzten Weg noch einmal zusammen - bei seiner Familie gelang ihm das nicht: Die Familien seiner beiden Söhne fehlten beim europĂ€ischen Trauerakt in Straßburg und den Trauerfeierlichkeiten in Speyer, nachdem sich die Witwe mit ihren Stiefsöhnen ĂŒberworfen hatte. Foto: by -pdh-

EuropĂ€ischer Trauerakt in Straßburg, Trauerzug durch Ludwigshafen und Speyer, Requiem im Speyerer Dom zum Abschied von Altkanzler Kohl

STRASSBURG / LUDWIGSHAFEN / SPEYER. - Beim europĂ€ischen Trauerakt in Straßburg hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl als einen „den Menschen zugewandten Weltpolitiker“ gewĂŒrdigt. Am Nachmittag folgten die Trauerfeierlichkeiten in Deutschland. Nach dem Trauerzug in Ludwigshafen wurde des Altkanzlers bei einem Requiem im Dom zu Speyer gedacht.

Erstmals in der Geschichte der EU gab es am Samstagvormittag einen europĂ€ischen Trauerakt. Die drei EU-Institutionen – EuropĂ€ischer Rat, EuropĂ€isches Parlament und EuropĂ€ische Kommission – hatten dazu gemeinsam eingeladen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in ihrer Trauerrede im EuropĂ€ischen Parlament in Straßburg, Helmut Kohl verkörpere eine Epoche. „Er hat das Europa mit geschaffen, in dem wir heute leben.“ Ost- und Westeuropa seien vereint, es gebe einen gemeinsamen Markt, keine Grenzkontrollen und eine gemeinsame WĂ€hrung. „Das bleibt mit dem Namen Helmut Kohl verbunden“, sagte Merkel.

Merkel: „Auf ihn war Verlass“

Viele Menschen hĂ€tten sich an ihm gerieben, aber das trete nun zurĂŒck. Die Kanzlerin hob hervor, was ihr immer an ihm imponierte. Das sei sein GespĂŒr fĂŒr das politisch Machbare gewesen, wie auch seine unerschĂŒtterliche Überzeugungen, die ihn leiteten: „Auf ihn war Verlass.“

Er sei auf die Menschen zugegangen. Er habe enge Kontakte gesucht und gepflegt. Er habe Vertrauen aufgebaut. „Er war ein den Menschen zugewandter Weltpolitiker“, so Merkel. Er habe es verstanden BrĂŒcken zu bauen und es geschafft, dass am Ende seiner Amtszeit Deutschland vereint und mit seinen Nachbarstaaten in Frieden, Freiheit und Freundschaft verbunden war.

Bedenken gegenĂŒber vereintem Deutschland zerstreut

Helmut Kohl sei es gewesen, der die Einheit wollte, als andere noch zögerten. Seine tiefe europĂ€ische Überzeugung und das Vertrauen, das er weltweit genoss, hĂ€tten dabei geholfen, die Sorgen und Bedenken gegenĂŒber einem vereinten Deutschland zu zerstreuen.

„Gemeinsam mit seinen Partnern bettete er die deutsche Einheit in die europĂ€ische Einigung ein. Ein Werk des Friedens, ein Werk der Freiheit und ein Werk der Einheit.“

Die Kanzlerin erinnerte daran, dass Europa das Werk von Generationen sei und jede Generation ihre eigenen Antworten finden mĂŒsse. Dabei kĂ€me es auf das an, was Helmut Kohl auszeichnete: „Auf das Wissen um die Geschichte, auf die Weitsicht, auf die NĂ€he zu den Menschen, auf den Blick auf das Machbare und Zumutbare.“

Dankbarkeit und Demut

Die Kanzlerin erinnerte am Ende ihrer Rede noch einmal daran, dass ohne Helmut Kohl das Leben der Menschen, die bis 1990 hinter der Mauer lebten, völlig anders verlaufen wĂ€re. „NatĂŒrlich auch meines.“ Dass sie hier stehe, daran habe Helmut Kohl entscheidenden Anteil.

„Danke fĂŒr die Chancen, die Sie mir gegeben haben, Danke fĂŒr die Chancen, die Sie vielen anderen eröffnet haben. Danke fĂŒr die Chancen, die wir als Deutsche und EuropĂ€er durch Sie erhalten haben,“ sagte die Kanzlerin. Sie verneige sich vor ihm und seinem Angedenken in Dankbarkeit und Demut.

Tajani: Helmut Kohl war „ein mutiger Mensch“

Die Rede der Kanzlerin war die letzte von insgesamt acht Reden bei dem Trauerakt in Straßburg. ZunĂ€chst hatte EU-ParlamentsprĂ€sident Antonio Tajani gesprochen. Er wĂŒrdigte Helmut Kohl als „einen mutigen Menschen, einen Vertreter der Freiheit und der Demokratie.

Er habe die Hand ausgestreckt auf die jungen Demokratien Europas. „Das Europa von Helmut Kohl hatte keine Angst eine Zukunft anzubieten und zu gestalten.“

Juncker: Kohl nutzte die Gunst der Stunde

Sichtlich bewegt nahm der PrĂ€sident der Kommission, Jean-Claude Juncker, Abschied von Helmut Kohl, „einem treuen Freund“. „Helmut Kohl war ein deutscher Patriot und ein europĂ€ischer Patriot“, so Juncker und ergĂ€nzte: „Er war ein gigantischer EuropĂ€er.“

Es habe fĂŒr ihn keinen Widerspruch gegeben zwischen dem, was deutsch ist und dem, was europĂ€isch sein muss. Daher sei es auch sein Wunsch gewesen, dass die Trauerfeier europĂ€isch sei. Kohl habe den Mantel Gottes, der durch die Geschichte geweht sei, zu greifen gewusst. „Er hat die Gunst der Stunde genutzt, andere wĂ€ren gescheitert.“

Neben vielen anderen Verdiensten habe Helmut Kohl auch den Blick nach Osten und Mitteleuropa gerichtet. „Er war sich seiner historischen Verantwortung gegenĂŒber Polen stets bewusst, genau wie Willy Brandt.“ Juncker erinnerte an einen Moment, wo er Helmut Kohl hat weinen sehen.

Es war der 13. Dezember 1997, da beschloss der EuropĂ€ische Rat die Erweiterungsverhandlungen mit den osteuropĂ€ischen Staaten, Malta und Zypern aufzunehmen. Dieser Moment habe zu den schönsten seines Lebens gehört. „Dann wurde es still und er hat geweint. Und er war nicht der Einzige“, erinnert sich Juncker.

Helmut Kohl habe alle Mitgliedstaaten gleichermaßen respektiert: Große und kleine fĂŒhlten sich verstanden. Juncker erinnerte noch einmal daran, als Kohl und der französische PrĂ€sident Mitterand sich in Verdun bei der Hand nahmen: „Dort besiegelten sie die BrĂŒderlichkeit zwischen Deutschland und Frankreich.“ Juncker verneigte sich vor dem “imposanten Lebenswerk“.

Tusk: Kohl war Wegbereiter der europÀischen Einigung

EU-RatsprĂ€sident Donald Tusk wĂŒrdigte Kohl als Wegbereiter der europĂ€ischen Einigung. „Seine Vision ging ĂŒber die deutschen Grenzen und die deutschen Interessen hinaus.“ Kohl habe sich zudem große Verdienste beim Versöhnungswerk mit Polen erworben.

Kohl habe verstanden, dass „die ersten, die der Berliner Mauer Risse beigebracht haben, die Werftarbeiter von Danzig waren“, so Tusk.

Reden von frĂŒheren und heutigen Staats- und Regierungschefs

Danach sprachen auf Wunsch der Witwe Helmut Kohls und als Privatpersonen der ehemalige spanische Premierminister Felipe GonzĂĄlez, der ehemalige PrĂ€sident der Vereinigten Staaten Bill Clinton und der russische Premierminister Dmitri Medwedew. GonzalĂ©z bezeichnete Kohl als „Zugpferd der europĂ€ischen Einigung“.

Bill Clinton sagte im Bezug auf den verstorbenen Altkanzler: „Ich habe ihn geliebt.“ Kohl habe eine Welt gewollt, in der Zusammenarbeit „als besser gilt als der Konflikt. Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand niemanden dominiert.“

Der ehemalige Bundeskanzler habe in seiner politischen Zeit große Fragen gestellt bekommen mit Verzweigungen in die Gegenwart, und wegen seiner Antworten seien die Vertreter so vieler LĂ€nder bei dem Trauerakt, hob Clinton hervor.

Der russische Premierminister Medwedew erinnerte an die engen Beziehungen Helmut Kohls zu Russland. FĂŒr den Altkanzler sei Russland Bestandteil eines vereinten Europas gewesen. „FĂŒr ihn war das ein Teil eines gemeinsamen Hauses, ohne Stacheldraht. Es war ein Traum von Frieden und Sicherheit fĂŒr alle.“ Kohl sei eine Person der Zukunft gewesen. „Er ist auch der Architekt der gegenwĂ€rtigen Welt“, so Medwedew.

Macron: „Er reichte uns die Hand“

Der französische StaatsprĂ€sident Emmanuel Macron wĂŒrdigte Kohl als großen Freund Frankreichs. „Er reichte uns die Hand“, so Macron. Er erinnerte an die AnnĂ€herung beider LĂ€nder in den 1980er Jahren und die NĂ€he Kohls zum damaligen französischen PrĂ€sidenten Mitterrand. „FĂŒr meine Generation ist Helmut Kohl schon Teil der europĂ€ischen Geschichte.“

Er hob hervor, dass er eng mit Deutschland und Bundeskanzlerin Merkel zusammenarbeiten wolle. Am Schluss seiner Rede betonte Macron: „Wir haben heute ĂŒberhaupt keinen Anlass zur Resignation. Wir haben vielmehr Grund zu realistischem Optimismus.“

Trauerzug in Ludwigshafen und Speyer

Dem europĂ€ischen Trauerakt schlossen sich die weiteren Trauerfeiern in Deutschland am Samstagnachmittag und -abend an. Die Bundeskanzlerin und weitere Vertreter der Verfassungsorgane nahmen daran teil. Der Sarg des Altbundeskanzlers wurde mit einem Hubschrauber nach Deutschland ĂŒberfĂŒhrt.

Der Fahrt des Trauerzugs in Ludwigshafen am Rhein ging durch die Innenstadt, damit die Menschen dort Abschied nehmen konnten. Mit der MS und Begleitschiffen wurde der Trauerzug auf dem Rhein in Richtung Speyer fortgesetzt.

Gedenken bei Requiem im Dom

Das Requiem im Dom zu Speyer begann um 18 Uhr. Geleitet wurde der Gottesdienst vom amtierenden Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx konzelebrierte beim Requiem.

Zur musikalischen Gestaltung trugen der Domchor Speyer, die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und Domorganist Markus Eichenlaub bei. Interessierte hatten die Möglichkeit, den Gottesdienst im sĂŒdlichen Domgarten mitzufeiern. Das Requiem wurde bei strömendem Regen per Großbildleinwand dorthin ĂŒbertragen.

MilitÀrisches Ehrengeleit und Totenwache

Ein großes militĂ€risches Ehrengeleit auf dem Domvorplatz schloss sich an. Das Ehrengeleit setzte sich aus Soldaten des Wachbataillons und dem Musikkorps der Bundeswehr zusammen. Gestellt wurden drei Kompanien von Heer, Luftwaffe und Marine. Die angetretene Totenwache ĂŒbernahmen in Speyer acht Generale und Admirale.

Dieses Zeremoniell der Bundeswehr wird Soldaten oder Zivilisten gewĂ€hrt, die eine besondere Stellung eingenommen haben, bei Soldaten mindestens in der Dienststellung eines Kommandierenden Generals. Das letzte „Große MilitĂ€rische Ehrengeleit“ wurde fĂŒr den Altbundeskanzler Helmut Schmidt gestellt.

Nach Ende des Requiems im Dom traten Totenwachen und SargtrĂ€ger an den Sarg und verbrachten diesen im Trauerkondukt auf den Vorplatz. Nach Absetzen des Sarges vor der Truppenfahne der dort angetreten Ehrenformation der Bundeswehr wurde die Truppenfahne gesenkt und das Musikkorps spielte den Trauerchoral „Jesu meine Zuversicht“ und im Anschluss die Nationalhymne.

Nach Aufnahme des Sarges und dem Defilee zum Sargwagen spielte das Musikkorps den Trauermarsch aus dem Oratorium von „Saul“ (G.F.HĂ€ndel). Anschließend wurde der Sarg im Sargwagen abgesetzt und das Musikkorps spielte das „Lied vom guten Kameraden“.

Geleitet durch eine Motorrad-Ehreneskorte der Rheinland-PfĂ€lzischen Polizei fuhr der Sarg dann im Leichenwagen zum Friedhof, wo Helmut Kohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf dem Friedhof des Domkapitels im Adenauerpark beigesetzt wurde.

Besucher konnten Blumen und KrĂ€nze an zwei Stellen ablegen: Am Brunnen im unteren Domgarten, der auf dem Weg vom Messeplatz zum sĂŒdlichen Domgarten liegt, sowie am zur Bahnhofstraße gelegenen Haupteingang des Adenauerparks.