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Merkel: ‚ÄěMit Hoffnung in das neue Jahr‚Äú

Bundeskanzlerin Angela Merkel macht nach dem Pandemie-geprägten Jahr 2020 in ihrer voraussichtlich letzten Neujahrsansprache Hoffnung auf ein besseres Jahr 2021. Archivfoto: by Agentur -pdh-

Neujahrsansprache der Bundeskanzlerinder Dr. Angela Merkel

‚ÄěLiebe Mitb√ľrgerinnen und liebe Mitb√ľrger,

was f√ľr ein Jahr liegt hinter uns! 2020 ist etwas √ľber uns gekommen, womit die Welt nicht gerechnet hatte. Ein bis da-hin unbekanntes Virus dringt in unsere K√∂rper und unsere Leben ein.

Es trifft uns da, wo wir am allermenschlichsten sind: im engen Kontakt, in der Umarmung, im Ge-spräch, beim Feiern. Das Virus macht normales Verhalten zu einem Risiko - und ganz ungewohnte Schutzmaßnahmen normal.

2020, dieses Jahr der Pandemie, war ein Jahr des Lernens. Wir mussten im Fr√ľhjahr auf ein Virus reagieren, √ľber das es kaum gesichertes Wissen und Informationen gab. Wir mussten Entscheidungen treffen, von denen wir zun√§chst nur hoffen konnten, dass sie sich als richtig erweisen w√ľrden.

Die Coronavirus-Pandemie war und ist eine politische, soziale, ökonomische Jahrhundertaufgabe. Sie ist eine historische Krise, die allen viel und manchen zu viel auferlegt hat.

Ich wei√ü, dass es ungeheures Vertrauen und Geduld von Ihnen verlangt hat und weiter verlangt, sich auf diesen historischen Kraftakt einzulassen. Daf√ľr danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Am Ende dieses atemlosen Jahres hei√üt es auch, einmal innezuhalten - und zu trauern.

Wir d√ľrfen als Gesellschaft nicht vergessen, wie viele einen geliebten Menschen verloren haben, ohne ihm in den letzten Stunden nah sein zu k√∂nnen. Ich kann ihren Schmerz nicht lindern. Aber ich denke an sie, gerade auch heute Abend.

Ich kann nur ahnen, wie bitter es sich anf√ľhlen muss f√ľr die, die wegen Corona um einen geliebten Menschen trauern oder mit den Nachwirkungen einer Erkrankung sehr zu k√§mpfen haben, wenn von einigen Unverbesserlichen das Virus bestritten und geleugnet wird.

Verschw√∂rungstheorien sind nicht nur unwahr und gef√§hrlich, sie sind auch zynisch und grausam diesen Menschen gegen√ľber. 2020 war bestimmt von Sorge und Ungewissheit.

Zugleich war es aber auch ein Jahr, in dem so viele √ľber sich hinausgewachsen sind,ohne das an die gro√üe Glocke zu h√§ngen. Das beweisen uns die √Ąrztinnen, √Ąrzte und Pflegekr√§fte in Krankenh√§usern, Pflegeheimen und anderen Einrichtungen.

Das zeigt sich bei den Mitarbeitern der Gesundheits√§mter, die so pl√∂tzlich ins Zentrum des Kampfes gegen das Virus ger√ľckt sind. Das sehen wir an der Einsatzfreude unserer Bundeswehr, die an allen Ecken und Enden Unterst√ľtzung leistet.

Unz√§hlige Menschen haben dazu beigetragen, dass unser Leben trotz Pandemie weiter m√∂glich war: in den Superm√§rkten und im G√ľtertransport, in den Postfilialen, in Bussen und Bahnen, auf den Polizeiwachen, in den Schulen und Kitas, in den Kirchen, in den Redaktionen.

Ich bin auch immer wieder dankbar daf√ľr, wie diszipliniert die allermeisten Menschen ihre Masken tragen, wie sie sich um Abstand bem√ľhen. Darin dr√ľckt sich f√ľr mich aus, was ein Leben in einer menschenfreundlichen Gesellschaft erst m√∂glich macht:

R√ľcksichtnahme auf andere, die Einsicht, sich selbst auch einmal zur√ľckzunehmen, das Bewusstsein von Gemeinsinn. Diese Haltung von Millionen von Mitb√ľrgern hat uns auf unserem bisherigen Weg durch die Pandemie manches erspart. Sie wird auch im kommenden Jahr n√∂tig sein.

Was lässt mich hoffen? Seit wenigen Tagen hat die Hoffnung Gesichter: Es sind die Gesichter der ersten Geimpften, der ganz Alten und ihrer Pfleger und Pflegerinnen, des medizinischen Personals auf den Intensivstationen - nicht nur bei uns, sondern in allen europäischen und vielen anderen Ländern.

Tagt√§glich werden es mehr, schrittweise werden andere Alters- und Berufsgruppen dazukommen ‚Äď und dann alle, die es m√∂chten. Auch ich werde mich impfen lassen, wenn ich an der Reihe bin.

Hoffen lassen mich auch die Wissenschaftler - weltweit, aber gerade auch bei uns in Deutschland. Der erste verlässliche Coronatest wurde hier entwickelt - und nun auch der erste in Europa und vielen Ländern der Welt zugelassene Impfstoff.

Er ist aus der Forschungsarbeit eines deutschen Unternehmens hervorgegangen und wird jetzt als deutsch-amerikanische Koproduktion hergestellt.

Die Gr√ľnder Ugur Sahin und √Ėzlem T√ľreci aus Mainz haben mir erz√§hlt, dass Menschen aus 60 Nationen in ihrem Unternehmen arbeiten. Nichts k√∂nnte besser zeigen, dass es die europ√§ische und internationale Zusammenarbeit, dass es die Kraft der Vielfalt ist, die den Fortschritt bringt.

Die Aufgaben, vor die die Pandemie uns stellt, bleiben gewaltig. Bei vielen Gewerbetreibenden, Arbeitnehmern, Solo-Selbstst√§ndigen und K√ľnstlern herrschen Unsicherheit, ja Existenzangst.

Die Bundesregierung hat sie in dieser ganz unverschuldeten Notlage nicht allein gelassen. Staatliche Unterst√ľtzung in nie dagewesener H√∂he hilft. Verbesserte Kurzarbeitsregeln greifen. Arbeitspl√§tze k√∂nnen so bewahrt werden.

Ist also auch im neuen Jahr alles Corona? Nein, und das war es auch im alten nicht. Nicht erst seit Beginn der Pandemie verändert sich die Welt, in der wir leben, rasant und grundlegend.

Umso wichtiger ist es, dass Deutschland mit all seiner Kraft und seiner Kreativit√§t mutige Ideen f√ľr die Zukunft entwickelt. Dass unser Wirtschaften, unsere Mobilit√§t, unser Leben klimaschonend wird.

Dass alle Menschen in Deutschland von gleichwertigen Lebensverhältnissen und echter Bildungsgerechtigkeit profitieren können. Dass wir uns auch mit Europa besser behaupten in der globalisierten, digitalisierten Welt.

Liebe Mitb√ľrgerinnen, liebe Mitb√ľrger, diese Tage und Wochen, da gibt es nichts zu besch√∂nigen, sind schwere Zeiten f√ľr unser Land.

Und so wird es auch noch eine ganze Weile bleiben. Es wird noch eine ganze Zeit an uns allen liegen, wie wir durch diese Pandemie kommen. Der Winter ist und bleibt hart.

Wir wissen ja, was wir dem Virus entgegensetzen können. Die neben dem Impfstoff wirksamsten Mittel haben wir selbst in der Hand, indem wir uns an die Regeln halten, jeder und jede von uns. Wir alle zusammen.

Lassen Sie mich zum Schluss noch etwas Persönliches sagen: In neun Monaten ist Bundestagswahl, zu der ich ja nicht wieder antreten werde.

Dies ist deshalb heute aller Voraussicht nach das letzte Mal, dass ich mich als Bundeskanzlerin mit einer Neujahrsansprache an Sie wenden darf. Ich denke, ich √ľbertreibe nicht, wenn ich sage:

Nie in den letzten 15 Jahren haben wir alle das alte Jahr als so schwer empfunden ‚Äď und nie haben wir trotz aller Sorgen und mancher Skepsis mit so viel Hoffnung dem neuen Jahr entgegengesehen.

Und so w√ľnsche ich Ihnen und Ihren Familien von Herzen Gesundheit, Zuversicht und Gottes Segen f√ľr das neue Jahr 2021.‚Äú

Die Neujahrsansprache der Kanzlerin im Podcast: www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/mediathek/merkel-neujahrsansprache-2020-1833774