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Apotheker als Beruf: Immer schön abducken?

Dr. Detlef Eichberg ist selbständiger Apotheker und Buchautor. Für FACT schreibt er in wöchentlichen Abständen zu Gesundheits- und gesellschaftlich relevanten Themenbereichen, heute zum Thema: Apotheker als Beruf

Eine der für mich in puncto Lebenstüchtigkeit meist behindernden Prägungen in der Kindheit erwirkte in mir die Familien-Maxime „Um des lieben Friedens Willen“ – ein Introjekt, das mich bei Aufkommen eines noch so gerechten Zorns immer wieder zu dessen Unterdrückung zwang.

Als ich dann erwachsen wurde, hatte sich das Verbot „Nein sagen zu dürfen“ fest auf der subcortikalen Festplatte eingraviert.

Dieser hypnotische Adaptionszwang kam mir dann zu Beginn der 1970er-Jahre als Praktikant auf dem Weg zum Vorexamen zugute. Da hieß es sich amöboid anpassen, wenn der Lehr-Chef schrie: „Stiiiift!“

Ja, und das sich anschlieĂźend streng hierarchisch strukturierte Studium Anfang der 70er lieĂź ebenfalls keinerlei Spielraum fĂĽr eine selbstbewusst kritische Entwicklung in dieser wichtigen Phase der Mensch-Werdung.

Es blieb indes die Hoffnung, in der künftigen Freiheit als selbstständiger Inhaber einer Apotheke frei entscheiden und in der Hochrechnung einer jahrhundertealten Berufstradition auch ein behütet-sicheres Dasein aus existenzieller Sicht führen zu dürfen.

Nach Approbation und Dissertation übernahm ich dann folgerichtig eine Apotheke im hinteren Odenwald und genoss dann auch tatsächlich zum ersten Mal im Leben ein Lot Freiheit, z. B. wie ich meinen „Laden“ zu führen gedachte.

Dann kamen die Errungenschaften des Internets, der Leitlinien, des QMS und zahlreiche bürokratische Unsäglichkeiten. Immer wieder habe ich mich meiner Prägung als menschliches Chamäleon erinnert und mich angepasst.

Immer noch eine und noch eine Beruf-belastende Obliegenheit oben drauf. Diesen Druck hatten wir ja in der Ausbildung gelernt zu ertragen und schlieĂźlich zu meistern, wenn auch unter Verlust der Selbstbestimmtheit.

Die Standesvertretung vermittelte begleitend auch immer Trost: „Es hätte schlimmer kommen können“. In jüngster Vergangenheit jedoch scheint es uns nun aber doch wirklich existenziell ans Leder zu gehen.

Das gesamte Spektrum an Qualitäten, die unseren Berufsstand bisher als einen der beliebtesten ausmachten, wurden und werden immer mehr mit merkantilen Fernsteuerungen von einer Schnäppchen-Kultur überwalzt.

Diese Entwicklung droht unseren Mehrwert einer zeitnahen Beratungskompetenz, der Anfertigung von Rezepturen, einer tätigen Ad-hoc-Unterstützung im Notdienst, einer Moderation zwischen Patienten, Arztpraxen und Krankenkassen und vor allem unserer erfahrbaren Empathie plattzumachen.

Auf all dieses hoch bedrohliche Szenario empfinde ich „Das Schweigen der Lämmer“ seitens der von der Basis gewählten Vertreter.

Vor was müssen wir uns um des lieben Friedens willen denn eigentlich noch verstecken, wenn sich keine politisch akzeptable Anwaltschaft mehr ausfindig machen lässt? Als einzig griffige und verlässliche Unterstützung empfinde ich da unsere bis dato treuen Patienten.

Wir sollten versuchen, diesem noch nicht im Schlund der „Europäischen freien Marktwirtschaft“ gelandeten Klientel immer wieder zu spiegeln, wie es für Ältere, Mütter und akut Medikations-Bedürftige bestellt sein wird, wenn die flächendeckende Vor-Ort-Versorgung in Deutschland grenzwertig ausgedünnt würde.