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Odenwälder trauern um SPD-Urgestein Günter Zabel

Nicht nur als Politiker und Lehrer hatte Günter Zabel das Zeitgeschehen im Blick, auch als Filmer und Autor hatte er einen guten Namen. Foto: Ernst Schmerker

Günter Zabel war stets ein großer Kämpfer für die Anliegen seiner Odenwälder Mitbürger.

Ansehen und Anerkennung genoss Günter Zabel auch bei den „großen Vorsitzenden“ seiner Partei, hier mit Helmut Schmidt, und …

... Hans-Jochen Vogel, dem ...

... früheren Hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner (links), dem ...

... er ein eigens vom >Odenwälder Gailschesmacher< geschnitztes Holzpferd überreicht, und ...

... dem legendären Hans-Jürgen Wischnewski.

Selbst eine Straße im Odenwaldkreis, für deren Entstehung er sich stark gemacht hatte, wurde bei der Einweihung zumindest temporär nach ihm benannt. Fotos: SPD Odenwaldkreis

Anwalt der Bürger, Förderer der Region: Günter Zabel, der Elderstatesman der Odenwälder Sozialdemokraten, ist im Alter von knapp 94 Jahren in seiner Wahlheimat Michelstadt verstorben + + + Die Odenwälder Sozialdemokraten verlieren mit ihm einen ihrer profiliertesten Genossen der Nachkriegsgeschichte

ODENWALDKREIS / MICHELSTADT. - Er wollte nicht vor seiner schon vor Jahren an Demenz erkrankten Frau Erika sterben, sie bis zum letzten Atemzug seine Nähe spüren lassen, mit einer Pflegerin sich um sie kümmern und ihr Geborgenheit geben.

Die Rede ist von Günter Zabel, dem dieser Wunsch versagt blieb. Er verstarb am gestrigen Mittwoch, 12. August, im Alter von knapp 94 Jahren, nur wenige Wochen vor dem 70. Hochzeitstag in seinem Haus an der Weißenfelser Straße in Michelstadt.

Mit ihm verliert die Sozialdemokratische Partei und auch der Odenwaldkreis eine Persönlichkeit, die sich in vielen Bereichen Verdienste erworben hat.

In Weißenfels an der Saale in einem Lehrerhaushalt geboren und aufgewachsen, war Segelfliegen schon als Schüler sein großes Hobby.

Kein Wunder, dass er gleich nach dem Abitur zur Luftwaffe kam und das Kriegsende als Kampfflieger erlebte. Schlimmes musste der noch nicht Zwanzigjährige in russischer Gefangenschaft überstehen.

Er arbeitete bei eisiger Kälte im Hochbau, trotz Krankheit und Hunger. Obwohl er einen Fluchtversuch mit einem gekaperten französischen Beuteflugzeug unternahm, fand der junge Deutsche auf russischer Seite Anerkennung für seinen Mut.

Zur Umschulung kam er nach Moskau. Dort wurde er mit dem sowjetischen Staatssystem vertraut gemacht und setzte sich mit Karl Marx und seiner Vorstellungswelt auseinander.

Schließlich nach Hause entlassen, war es das Pädagogik-Studium in Halle, das seinen beruflichen Werdegang begründete.

Er wurde Lehrer und in seiner alten Heimat Leiter einer Schule. Ein unbedachtes Wort über das Regime hatte 1953 von jetzt auf gleich die Flucht in den Westen zur Folge.

Um den Lehrerberuf auch in der Bundesrepublik ausüben zu können, war ein erneutes Studium in Weilburg fällig. Seine erste Anstellung als Lehrer führte ihn von 1957 bis 1974 in die kleine Odenwaldgemeinde Kailbach.

Anschließend war er Rektor an der Grundschule in Erbach. Schon während der Kailbacher Jahre kümmerte er sich über den Unterricht hinaus um die ihm anvertrauten Kinder.

Freizeitaktivitäten und Ferienlager waren es, die er mit finanzieller Unterstützung der Arbeiterwohlfart durchführte.

Mit dem Eintritt in die SPD im Jahr 1962 begann seine politische Laufbahn. Im Jahr 1964 für die SPD in den Kreistag gewählt, wurde er vier Jahre später Fraktionsvorsitzender und 1977 Kreistagsvorsitzender.

Als direkt gewählter Abgeordneter gehörte er dem Landtag von 1974 bis 1991 an. Von 1980 bis 1987 war er dort stellver-tretender Vorsitzender der SPD-Fraktion und von 1984 bis 1990 Vorsitzender des wichtigen Haushaltsausschusses.

Das Bundesverdienstkreuz am Bande, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, die Ehrenplakette des Odenwaldkreises in Gold, die Dr. Johann-Christian-Eberle-Medaille in Gold des Sparkassenverbandes Hessen und die Willy-Brandt-Medaille in Gold sowie die Ernennung zum SPD-Ehrenvorsitzenden des Odenwaldkreises belegen das Wirken des Odenwälders.

Über all die Jahre im Landtag war es Günter Zabels Anliegen, den Kontakt zu seinen Wählern sehr intensiv zu pflegen.

Bei unzähligen Sprechstunden in seiner Wohnung konnte er Hilfesuchenden mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Im Landesparlament erfreute er sich durch seine konziliante und vermittelnde Art fraktions-übergreifend nicht nur bei den Kollegen einer großen Beliebtheit, auch mit Ministerpräsident Holger Börner verband ihn eine persönliche Freundschaft.

Kein Wunder also, dass Günter Zabel nach dem Abschied aus dem Plenum 1994 Vorsitzender der Vereinigung ehemaliger Abgeordneter des Landes Hessen wurde.

Viele Besichtigungsreisen hat der Ehrenvorsitzende bis 2002 in dieser Eigenschaft für seine Kollegen organisiert und durchgeführt.

Viele Jahre schon ist das Filmen das große Hobby des Odenwälders. Viele heimatbezogene Streifen hat er ihm Laufe der Jahre gedreht, viel Anerkennung dabei gefunden.

Ob die „Odenwälder Gailschesmacher“, die Weihnachtswochen in Michelstadt, das Tiergehege Brudergrund in Erbach, der Englische Garten in Eulbach oder der Kurpark in Bad König, einmalige Aufnahmen sind es, die beim Dorftreff in Olfen oder von den Senioren in Altenheimen begeistert aufgenommen wurden.

Noch in diesem Jahr hat er die Skulpturen der Steinbacher Künstlerin Gabriele von Lutzau ins Bild gesetzt. Immer wieder betätigte er sich auch schreibend.

„Der Axthirsch“ heißt eine 1982 veröffentlichte Broschüre, in der die Geschichte vom Schöllenbacher Kuchenbäcker und dem Gewitter beschrieben ist. Nach seinen 1999 erschienenen „Erinnerungen“ war sein letzter Titel „Dem Lehrer seiner“.

Mehr als 40 Jahre war Zabel Mitglied der Freimaurerloge „Zu den drei Sternen im Odenwald“. Dort hat er nicht nur die Verschwisterung mit einer schottischen Loge auf den Weg gebracht, sondern über die Jahre hinweg viele Akzente gesetzt. Kein Wunder also, wenn auch seine Beisetzung nach freimaurerischer Gepflogenheit erfolgen wird.