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Im Schulterschluss gegen Vereinsamung

Der Psychiater Dr. Gerhard Bittenbring referiert im vollbesetzen Saal der alten Turnhalle.

Pfarrerin Sabine FÀrber-Awischus wÀhrend ihres Fachvortrages in der alten Turnhalle.

Der Psychiater Dr. Gerhard Bittenbring referiert im vollbesetzen Saal der alten Turnhalle.

Psychiater Dr. Bittenbring sprach in Beerfelden auch kritische Punkte an. Fotos: Michel Lang

Mediziner und Pfarrerin im Fachvortrag

BEERFELDEN. - Gemeinsam gegen einsam! Wie kann man dieser positiven Parole, die sich drei lokale Selbsthilfegruppen, die Stadt Erbach und der Odenwaldkreis zum Motto eines Vortrags auserkoren haben, gerecht werden?

FĂŒr fachliche AufklĂ€rung und einen individuellen Blick auf die Einsamkeit, verbunden mit möglichen Strategien zu deren BewĂ€ltigung, sorgten kĂŒrzlich in der vollbesetzten alten Turnhalle von Beerfelden der Psychiater Dr. Gerhard Bittenbring und die evangelische Pfarrerin Sabine FĂ€rber-Awischus.

Denn Einsamkeit ist eine Volkskrankheit mit immensen Auswirkungen. Sie belastet Seele und Körper. Oft verliert man die Kontrolle und den sozialen Umgang miteinander.

Betroffene sind in jeder Altersgruppe, allen sozialen Schichten und in sĂ€mtlichen Berufen zu finden. BegĂŒnstigt wird Einsamkeit durch verĂ€nderte Arbeitsbedingungen im Home-Office, bei Alleinlebenden und durch die ĂŒberbordende Nutzung sozialer Medien. Bedingt durch Corona finden sich viele Menschen nach der Pandemie in einer langfristigen sozialen Isolation wieder.

Sogar in der Ehe und in Familien fĂŒhlen sich manche Menschen oft einsam. UnerwĂŒnschte Begleiter sind eine tiefe Traurigkeit, große Not und eine peinliche Scham. Einsam sein wird Ă€ngstlich verschwiegen, oftmals ĂŒberspielt, schwer ausgehalten und schmerzhaft durchlitten.

„Auf diese Thematik stĂ¶ĂŸt man immer öfter, ob im Fernsehen, in der Zeitung, im privaten Bereich und auch immer hĂ€ufiger in der Arztpraxis“, konstatierte der Mediziner Bittenbring.

Sobald sie den Einzelnen seelisch stark beeintrĂ€chtige und ihn in seiner LebensfĂŒhrung einschrĂ€nke, bestehe Hilfsbedarf. Aufmerksam solle man werden, wenn sich Nachbarn plötzlich zurĂŒckzögen oder lĂ€ngere Zeit nicht gesehen wĂŒrden.

„Auch wenn es Überwindung kostet, darf man mal anklopfen und nachschauen. Nicht selten habe ich schon böse Überraschungen erlebt.“ Dem pflichtete auch Martina Thoms vom sozial-psychiatrischen Dienst des Odenwaldkreises bei und ermutigte dazu, sich intensiver umeinander zu kĂŒmmern.

Leider sei man an bestimmten Endpunkten, wie dem Tod, öfter einsam. HÀufig jedoch habe man die Chance, aktiv etwas gegen Einsamkeit unternehmen zu können.

Hier unterschied der Mediziner bewusst zwischen der aktiv gewÀhlten und gewollten Einsamkeit, die jedem Individuum zustehe, und der unfreiwilligen Vereinsamung durch das Fehlen sozialer Kontakte.

Bewusst sprach der Psychiater auch Einsamkeitssituationen in Beziehungen und durch die Auswirkungen von Corona an. DrĂŒckten die Probleme zu sehr, sei der Besuch einer Selbsthilfegruppe ein erster Schritt:

„Wohl dem, der die richtigen Freunde und Bekannte hat, die einem helfen. FĂŒr die einen ist es der Verein, fĂŒr die anderen vielleicht die Kirche.“

Auch kritische Worte fand der Facharzt: „Der leidende Patient will gesund werden und der Doktor sucht nach Krankheiten. Manchmal reden die beiden völlig isoliert aneinander vorbei. Ein klassisches Beispiel fĂŒr Gemeinsamkeit ist das nicht.“

Um eine gute Beziehung ohne Einsamkeit zu erzielen, mĂŒsse man BrĂŒcken zum anderen schlagen. Abschließend erinnerte Bittenbring an den stockenden Aufbau einer regional angedachten sozial-psychiatrischen Initiative, die man aktiv voranbringen möge.

„Einsamkeit ist keine Krankheit, sondern eine typische Trenddiagnose“, zitierte Pfarrerin FĂ€rber-Awischus und fĂŒhrte hierzu Beispiele an.

Dabei legte sie allerdings Wert auf die Unterscheidung zwischen dem unverfÀnglichen Alleinsein, das befreiend oder inspirierend sein kann und dem Druck der oftmals belastenden, manifesten Einsamkeit.

Diese berge die Gefahr einer erhöhten Selbstmordrate im Alter. „Das Thema muss uns alle beschĂ€ftigen. Einsamkeit ist ein GefĂŒhl. Man ist auf sich selbst zurĂŒckgeworfen. Sie kann positive Seiten haben, aber auch krank machen, wenn sie zu sozialer Isolation fĂŒhrt.“

Man mĂŒsse als Gesellschaft den einsamen Menschen ein Angebot machen, sonst kĂ€men sie nicht aus dem Teufelskreis heraus, meinte eine Zuhörerin.

Deshalb möchte Sabine FĂ€rber-Awischus in der Kantine des Erbacher Gesundheitszentrums in Form eines offenen Babbel-Tisches einmal wöchentlich die Kommunikation untereinander anregen: „Wir mĂŒssen wieder mehr ins Reden kommen und aufeinander zugehen.“

Mitgenommen haben die GĂ€ste des Vortrags viele Anregungen, um sich intensiver mit der Thematik zu beschĂ€ftigen. „Ein allgemeingĂŒltiges Patentrezept gegen Einsamkeit gibt es allerdings nicht“, sagte Gerhard Bittenbring gegen Ende der Veranstaltung.

Moderiert hat diese Holger Leitermann, Sprecher der Selbsthilfegruppe Semikolon, die im Schulterschluss mit der Stadt Erbach, dem Odenwaldkreis, der Selbsthilfegruppe Angst-Panik-Depression sowie der Selbsthilfegruppe des OdenwÀlder Kreisverbands des Deutschen Roten Kreuzes und der Naturheilpraxis Heike Waldvogel selbige ins Leben gerufen hat.