LESERBRIEF: Hessisches Unterhaltungsfernsehen statt kritischer Journalismus

ODENWALD. - Ein Kommentar zum Beitrag in „Mex - Das Marktmagazin des HR“ vom 11. Januar 2017 ĂŒber „StillfĂŒssel“, „Greiner Eck“ und weitere Windenergiestandorte: „Unmut“, „hochemotionale Debatten“, „nimmt ihnen die Freude an der Natur“ ... - Man darf sicher sein, dass alle Interviewpartner profunde Sachinformationen zu Artenschutzkonflikten und zum Naturschutz gegeben haben. Was die Redaktion des Marktmagazins daraus zusammen geschnitten hat, ist eine Reduzierung auf emotionale Betroffenheiten.

Dieses offenkundige mediale Schmierentheater trifft aber den Nagel keineswegs auf den Kopf, denn gerade an den Beispielen der genehmigten Windenergieanlagen am StillfĂŒssel und am Greiner Eck lĂ€sst sich ein weites Feld gravierender umweltrechtlicher und fachlicher MĂ€ngel auffĂŒhren, das hier journalistisch gĂ€nzlich unbeackert blieb, obgleich die interviewten Kenner der SchrĂ€glage mit sachlichen HintergrĂŒnden mit Sicherheit nicht gegeizt haben.

Offenbar nicht der HR-Berichterstattung wĂŒrdig:

* sind die nach EU-Artenschutzrecht streng geschĂŒtzten Schwarzstörche im Eiterbachtal am Fuß des StillfĂŒssel;

* ist das EU-rechtlich ausgewiesene Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH), in welches der Windpark „Greiner Eck“ trotz Wespenbussard, FledermĂ€usen u. Co. geschlagen wurde, weil angeblich keine Zielarten betroffen gewesen seien;

* sind erhebliche Zweifel in Bezug auf die Planungs- und Genehmigungspraxis beispielsweise hinsichtlich keineswegs korrekt umgesetzter CEF-Maßnahmen („vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen“) u.v.m.

An diesen sensiblen Stellen sollte hochwertiger Journalismus ansetzen und kritisch hinterfragen, nicht nur die Emotionen aus den Interviews zusammen stĂŒckeln, welche sich aufgrund diverser Genehmigungen am letzten Werktag des Jahres zu Recht eingestellt haben.

Nein, es geht um weit mehr: Im Kontrastprogramm zwischen Windenergieausbau in naturnahen LebensrĂ€umen contra Artenschutz ist bei den angefĂŒhrten Beispielen die Natur ganz klar der Verlierer - und dies trotz brisanter artenschutzrechtlicher Konflikte, die ich im Übrigen gerne im Detail weiter ausfĂŒhre und ggf. auch der Justiz erlĂ€utere.

Verbreitet wird immer wieder der scheinbare Kompromiss, man wolle Windenergie und Artenschutz in Einklang bringen; das aber gelingt weder am StillfĂŒssel, noch am Kahlberg noch bei Grein. Und das ist - ohne jegliche emotionale Debatte - der eigentliche Skandal, ĂŒber den sich das Marktmagazin leider ausschweigt.

Immerhin zeigen die Bilder aus dem Vogelsberg (ĂŒbrigens großteils ein EU-Vogelschutzgebiet) eindrĂŒcklich, was im Mittelgebirge Odenwald zwischen den Metropolen Frankfurt, Mannheim und WĂŒrzburg noch bevorsteht, wenn Artenschutzrecht und Habitatschutz nicht so gewĂŒrdigt werden, wie es der EU-rechtlichen und nationalen Gesetzeslage gebĂŒhrt.

Und wenn auch der hohe Wert der Auszeichnung als „UNESCO Global Geopark“ Bergstraße-Odenwald nicht endlich angemessen berĂŒcksichtigt wird.

„Klimaschutzmaßnahmen“ sind durchaus ein Gesichtspunkt, aber BiodiversitĂ€t mit zahlreichen geschĂŒtzten Arten und die Erhaltung naturnaher LebensrĂ€ume dĂŒrfen dem fragwĂŒrdigen Weg, angeblichen „Klimaschutz“ mittels Windenergieausbau zu erzielen, nicht geopfert werden.

Der Schutz unserer Ökosysteme und naturnahen Landschaften hat einen Stellenwert, den man nicht mit umweltrechtlich fragilen Entscheidungen ĂŒber den Haufen werfen darf. - Retten wir den Odenwald!

Michael Hahl
Unterhöllgrund 3
69429 Waldbrunn